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Eugen Richter und der Liberalismus seiner Zeit

Jahrestagung 2006 zur Liberalismus-Forschung

Für die einen ist Eugen Richter eine „Lichtgestalt“ des entschiedenen Liberalismus, für andere eher ein dogmatischer Politiker mit wenig Fortune. Dass sein über 40 Jahre währendes politisches Wirken von einer gewissen Tragik überschattet war, brachte schon Friedrich Naumann in seinem Nachruf zum Ausdruck: „Er hatte das Schicksal, das Rückzugsgefecht des deutschen Liberalismus führen zu müssen, und konnte dabei wenig wirklich frohe Tage erleben.“

Für die einen ist Eugen Richter eine „Lichtgestalt“ des entschiedenen Liberalismus, für andere eher ein dogmatischer Politiker mit wenig Fortune. Dass sein über 40 Jahre währendes politisches Wirken von einer gewissen Tragik überschattet war, brachte schon Friedrich Naumann in seinem Nachruf zum Ausdruck: „Er hatte das Schicksal, das Rückzugsgefecht des deutschen Liberalismus führen zu müssen, und konnte dabei wenig wirklich frohe Tage erleben.“

Genügend Anlass für Archiv des Liberalismus, diesem streitbaren und umstrittenen Liberalen zu seinem 100. Todestag ein ausführliches Kolloquium zu widmen. Dabei ging es natürlich nicht um Eugen Richter allein, sondern auch um den Liberalismus seiner Zeit, das heißt, den deutschen und internationalen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, um so eine Folie für eine gerechte und angemessene Würdigung Richters zu bekommen. Im Rahmen des Kolloquiums wurde zum 41. Mal der Wolf-Erich-Kellner-Gedächtnispreis verliehen.

Wolther von Kieseritzky, Berlin beleuchtete in seinem Einführungsvortrag über das Leben und Wirken Eugen Richters die wichtigsten Grundlinien und Stationen von dessen politischem Denken und Handeln. Er führte eindrücklich vor Augen, wie der mit großem Redetalent begabte Jurist als Reichstagsabgeordneter des Wahlkreises Hagen-Schwelm 1875 an eine führende Position in der Deutschen Fortschrittspartei rückte, die er auch in der 1884 ins Leben gerufenen Deutsch-Freisinnigen Partei behielt, wenn auch dort sein Führungsanspruch nicht unumstritten war. Sein politischer Kurs zeigte sich durch eine fast starrsinnige Treue zu den klassisch-liberalen Prinzipien aus und führte vor allem nach 1879 zu einem permanenten Abwehrkampf - gegen jede Beschränkung der Gewerbe- und Handelsfreiheit, gegen die Schutzzollpolitik, gegen die Verstaatlichung der Eisenbahnen sowie gegen die Staatliche Sozialversicherung – stets mit dem Ziel, die Freiheit des Individuums gegenüber einem erstarkenden Einfluss des Staates zu verteidigen.

Deutscher Liberalismus im Kaiserreich

Mit den Vorträgen von Ansgar Lauterbach, Berlin über die Nationalliberalen und Jürgen Frölich, Gummersbach/Bonn über den Freisinn widmete sich das erste Podium dem Deutschen Liberalismus im Kaiserreich. Diskutiert wurde dabei u. a. die Frage, wo inhaltliche Unterschiede und wo Gemeinsamkeiten zwischen den liberalen Parteien festzustellen sind. Gravierende Unterschiede ließen sich auf dem Gebiet der Verfassungsfrage, also dem Problem der Parlamentarisierung des Kaiserreiches ausmachen, Gemeinsamkeiten in der Wirtschafts- und Handelspolitik. Im Hinblick auf den prinzipientreuen Politiker Eugen Richter herrschte Einigkeit über dessen mangelnden Pragmatismus und den daraus resultierenden Umstand, dass er nur begrenzte politische Wirkung erzielen konnte. Er war und blieb ein Mann der Opposition und ihm fehlte der ausgeprägte Wille zur Macht.

Linksliberale Alternativen

Den linksliberalen Alternativen widmete sich Podium II mit insgesamt vier Vorträgen. Hans-Georg Fleck, Jerusalem, referierte über die Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine, Ralf Roth untersuchte den Kommunalliberalismus am Beispiel Frankfurt/Main. Dem Richter’schen Antipoden im Linksliberalismus, Friedrich Naumann, der sich nicht nur mit seiner Haltung zur Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie grundsätzlich von Eugen Richter unterschied, widmete sich Gerd Fesser, Jena. Ludolf Parisius – ein enger politischer Weggefährte Richters und führender Kopf des Genossenschaftswesens - wurde portraitiert von Ulrich Naumann, Köln. Alle Vorträge machten deutlich, dass es sich hierbei um liberal-pragmatische Alternativen zur Prinzipienpolitik Eugen Richters handelte. So zeigte Fesser auf, dass Naumann im Gegensatz zu Richter an die Möglichkeit einer engen politischen Zusammenarbeit zwischen Liberalen und Sozialdemokraten glaubte.

Naumann schwebte ein Großblock von Bassermann bis Bebel vor – also ein von den Nationalliberalen bis zur gemäßigten Sozialdemokratie reichendes Bündnis, mit dem eine parlamentarische Mehrheit für eine innenpolitische Reformpolitik gefunden werden sollte. Zwar fanden die Ideen Naumanns nicht einmal innerhalb des Freisinns eine Mehrheit. Doch wirkten seine Ideen tief in die verschiedenen liberalen Parteien hinein. Ludolf Parisius schließlich wurde zum maßgeblichen Promoter für das Genossenschaftswesen im 19. Jahrhundert, indem er durch seine parlamentarische Arbeit an der Seite von Hermann Schulze-Delitzsch Grundlegendes zur rechtlichen Verankerung des Genossenschaftsrechtes beitrug. Mit der Weiterentwicklung der verbandlichen Organisationsstrukturen verhalf er einem wesentlichen liberalen Prinzip, der „Hilfe zur Selbsthilfe“, in Form von kollektiver, aber freiwilliger Interessenvereinigung der Bürger zum Durchbruch und damit auch den liberalen Prinzipien von Freiheit und Eigenverantwortung.

Wie Fleck deutlich machte, stand letzteres auch für jene „Sozialliberalen“ im Vordergrund, die den Versuch unternahmen, diese liberalen Prinzipien unter den wachsenden Herausforderungen einer sich extrem polarisierenden Industrie- und Massengesellschaft nicht nur zu bewahren, sondern weiterzuentwickeln.
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letzte Änderung: 07.05.2008


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